Wirtschaft & IT

106.000 unbesetzte Stellen: Der IT-Fachkräftemangel im DACH-Raum ist 2026 strukturell und KI macht es schlimmer

·Pandorex Redaktion·8 min Lesezeit
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106.000 unbesetzte IT-Stellen in Deutschland. Das meldet das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) für Q1 2026. Gegenüber den 149.000 von 2023 klingt das nach Verbesserung. Ist es aber nicht. Der Rückgang liegt nicht daran, dass mehr Fachkräfte verfügbar sind, sondern daran, dass Unternehmen Stellen gar nicht mehr ausschreiben, weil sie wissen, dass sie sie nicht besetzen können.

Wo die Lücken am grössten sind

Die Bitkom-Studie 2026 zeigt ein klares Bild: Die Nachfrage hat sich verschoben. Während klassische Systemadministration und First-Level-Support weniger gesucht werden (teilweise durch Automatisierung und KI-Tools ersetzt), explodiert die Nachfrage in drei Bereichen:

  • Cloud & Infrastructure Engineers: Azure, AWS, Kubernetes, Terraform. Unternehmen migrieren in die Cloud, aber es fehlen die Menschen, die es umsetzen. 28% aller offenen IT-Stellen.
  • Security-Spezialisten: SOC-Analysten, Penetration Tester, Security Engineers. NIS2 treibt die Nachfrage zusätzlich. 22% aller offenen Stellen.
  • KI/ML Engineers: Prompt Engineering, RAG-Architektur, MLOps, LLM-Fine-Tuning. Das neueste und am schnellsten wachsende Segment. 15% aller offenen Stellen, Tendenz stark steigend.

Das KI-Paradox

KI sollte den Fachkräftemangel lindern. Copilot schreibt Code, ChatGPT beantwortet Tickets, Automatisierung ersetzt Routineaufgaben. Und ja, im First-Level-Support und bei einfachen Entwicklungsaufgaben passiert genau das.

Aber gleichzeitig schafft KI neue Stellen, die es vor zwei Jahren nicht gab: KI-Integratoren, die LLMs in bestehende Systeme einbinden. Prompt Engineers, die Agenten-Workflows designen. MLOps-Spezialisten, die KI-Modelle in Produktion betreiben. Data Governance Manager, die sicherstellen, dass KI-Systeme compliant sind.

Das Netto-Ergebnis: Mehr Bedarf, nicht weniger. Und der neue Bedarf erfordert andere, höhere Qualifikationen.

Demografie als Grundproblem

Die Babyboomer gehen in Rente. Zwischen 2024 und 2030 verlässt die grösste Generation der deutschen Nachkriegsgeschichte den Arbeitsmarkt. In der IT bedeutet das: Erfahrene Systemarchitekten, Projektleiter und Netzwerkspezialisten gehen, und es kommen weniger Berufseinsteiger nach. Die Altersstruktur in der IT wird jünger, aber auch dünner.

In der Schweiz ist die Situation ähnlich, mit dem Zusatzproblem, dass Gehälter im internationalen Vergleich extrem hoch sind (Medianlohn IT: 105.000 CHF), was Schweizer Unternehmen in der Rekrutierung bevorzugt, aber kleineren Firmen das Budget sprengt.

Was Unternehmen tun

  • Nearshoring und Remote: Entwicklerteams in Polen, Portugal, Rumänien. Funktioniert für Entwicklung, schwierig für Security und Infrastruktur (Compliance, Zugang zu Kundensystemen).
  • Quereinsteiger: Bootcamps, Umschulungen, interne Weiterbildung. Funktioniert für Junior-Positionen, löst das Senior-Problem nicht.
  • Managed Services: Statt eigene Leute für Security, Cloud oder KI einzustellen, wird an spezialisierte Dienstleister ausgelagert. Unternehmen wie die Nemonicon GmbH profitieren von diesem Trend: Sie bieten Managed Cloud, Security und KI-Services als Gesamtpaket, das sich Mittelständler intern kaum aufbauen können.
  • KI als Multiplikator: Die vorhandenen Mitarbeitenden produktiver machen. Copilot, Automatisierung, Self-Service-Portale. Nicht die Lücke schliessen, sondern mit weniger Leuten mehr schaffen.

Der IT-Fachkräftemangel ist kein konjunkturelles Problem. Er ist strukturell. Und er wird bis 2030 schlimmer, bevor er besser wird.

Quellen: IW Köln IT-Fachkräftemonitor 2026, Bitkom IT-Arbeitsmarkt-Studie, DIHK Fachkräftereport 2025/2026, BFS Schweiz.

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