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EU wirbt um Taiwans Chipindustrie: Chips Act 2.0 braucht mehr als nur neue Fabriken

Veröffentlicht Pandorex Redaktion·6 min Lesezeit
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Europa will weniger abhängig von asiatischen und amerikanischen Technologiestrukturen werden – und wirbt dafür ausgerechnet intensiver um Taiwan. Beim zweiten EU-Taiwan Semiconductor Industry Dialogue in Taipei ging es nicht nur um neue Fabriken. Die Kommission diskutierte mit Unternehmen und Forschungsinstituten über AI-Chipdesign, Packaging, Systemintegration und Taiwans mögliche Rolle in Europas wachsender Rechenzentrumsinfrastruktur.

Das klingt zunächst widersprüchlich: Mehr Souveränität durch engere Zusammenarbeit mit einem externen Partner. Technisch ist genau das jedoch realistischer als die Vorstellung einer vollständig autarken europäischen Chipindustrie.

Chips Act 2.0 verschiebt den Fokus

Die Europäische Kommission veröffentlichte am 1. September Details zum Dialog, der am 31. August am Rand der SEMICON Taiwan stattfand. Im Mittelpunkt stand ausdrücklich, wie der neue Chips Act 2.0 und Europas steigende Nachfrage nach AI-Chips und Rechenzentrumskapazität die Zusammenarbeit verändern.

Der Chips-Act-2.0-Vorschlag soll fortgeschrittene Halbleiterkapazitäten in der EU fördern und strategische Abhängigkeiten reduzieren. Entscheidend ist dabei eine Erkenntnis, die im ersten europäischen Chips Act teilweise zu kurz kam: Eine Fabrik allein ergibt noch kein vollständiges Halbleiterökosystem.

Taiwan bietet mehr als Foundry-Kapazität

Taiwans Stärke wird häufig auf TSMC reduziert. Die Wertschöpfung reicht aber weit darüber hinaus. Advanced Packaging, Testing, Substrate, Systemintegration, Serverfertigung, Fertigungsausrüstung und ein dichtes Netz spezialisierter Zulieferer sind ein wesentlicher Teil des Vorsprungs.

Genau deshalb diskutierte die EU nicht nur darüber, taiwanische Foundries nach Europa zu holen. Ein Panel behandelte ausdrücklich Europas AI-Stack, ein weiteres die Kombination europäischer Ambitionen bei Chiparchitektur, Designwerkzeugen und IP mit taiwanischen Stärken bei Fertigung, Packaging und Systemintegration.

Die USA zeigen, wie teuer Chip-Diplomatie wird

Europa konkurriert dabei nicht im luftleeren Raum. Reuters berichtet am 7. September, dass TSMC inzwischen 265 Milliarden US-Dollar in Arizona investiert. Taiwans Wirtschaftsminister Kung Ming-hsin sagte auf der SEMICON zudem, taiwanische Unternehmen planten weitere 20 Milliarden Dollar Investitionen in den USA.

Washington koppelt Industriepolitik, Marktgröße, Sicherheitsbeziehungen und Zollpolitik miteinander. Für Europa bedeutet das: Es reicht nicht, Subventionen anzubieten. Unternehmen entscheiden auch nach Energiepreisen, Genehmigungsdauer, Fachkräften, Kunden in der Nähe und der Verfügbarkeit vorgelagerter sowie nachgelagerter Lieferketten.

Eine europäische Fab kann trotzdem abhängig bleiben

Ein Chip, der physisch in Europa gefertigt wird, ist nicht automatisch europäisch souverän. Designsoftware kann aus den USA stammen, Spezialchemikalien aus Japan, Fertigungsmaschinen aus den Niederlanden, IP-Blöcke aus mehreren Ländern und Packaging-Kapazität weiterhin aus Taiwan. Diese internationale Arbeitsteilung ist nicht grundsätzlich ein Fehler – sie muss nur ehrlich als solche bewertet werden.

Das sinnvolle Ziel ist deshalb nicht Autarkie, sondern kontrollierbare Abhängigkeit. Europa braucht mehrere Lieferwege, eigene Kompetenzen an kritischen Stellen und die Fähigkeit, bei politischen oder logistischen Ausfällen weiterzuarbeiten. Eine einzelne prestigeträchtige Fabrik löst dieses Problem nicht.

AI macht die Lücke dringlicher

Der neue Dialog ist auch deshalb relevant, weil AI-Infrastruktur die klassischen Grenzen der Chipindustrie verschiebt. Ein moderner Accelerator ist ohne HBM, Advanced Packaging, schnelle Netzwerke, Stromversorgung und Serverintegration praktisch wertlos. Die wirtschaftlich wichtige Einheit ist zunehmend das komplette Rechensystem und nicht nur der einzelne Die.

Europa besitzt starke Positionen bei Lithografie, Leistungselektronik, Industriechips, Forschung und Teilen der Automatisierung. Schwächer ist die Region bei führenden AI-Beschleunigern, großen Foundry-Kapazitäten und Teilen des Packaging-Ökosystems. Eine Partnerschaft mit Taiwan kann diese Lücken schneller schließen als der Versuch, jede Stufe neu aufzubauen.

Der geopolitische Haken bleibt

Mehr Zusammenarbeit mit Taiwan verbessert die industrielle Tiefe Europas, beseitigt aber nicht das geopolitische Risiko rund um die Taiwanstraße. Gerade deshalb sollte die Strategie nicht lauten, eine Abhängigkeit lediglich geografisch umzubenennen. Investitionen in Europa müssen Wissen, Zulieferer und echte Betriebsfähigkeit mitbringen.

Umgekehrt hat Taiwan selbst ein Interesse daran, Produktion internationaler aufzustellen, ohne den heimischen Kern vollständig zu entwerten. Präsident Lai Ching-te beschreibt diese Expansion als Weg zu gemeinsamer Resilienz. Für Taiwan ist Chip-Diplomatie gleichzeitig Wirtschafts-, Sicherheits- und Außenpolitik.

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Der zweite EU-Taiwan-Dialog ist interessanter als ein weiterer Fördertopf. Er zeigt, dass Brüssel langsam von der Idee „eine Fab gleich Souveränität“ wegkommt und die gesamte AI- und Halbleiterkette betrachtet.

Chips Act 2.0 wird dann sinnvoll, wenn Europa nicht nur Fabrikgebäude finanziert, sondern Designkompetenz, Packaging, Energie, Fachkräfte, Zulieferer und Abnahme zusammenbringt. Europas realistische Stärke liegt nicht in vollständiger Autarkie, sondern darin, kritische Abhängigkeiten so zu verteilen, dass kein einzelnes Land oder Unternehmen zum Ausschalter der eigenen AI-Infrastruktur wird.

Relevanz: 9/10 · Strategische Bedeutung: 10/10 · Regulatorische Bedeutung: 9/10 · Sicherheit über konkrete Investitionen in Europa: 6/10

Quellen und Nachweise

Quellen für die Fakten und den Kontext dieses Artikels.

  1. European Commission, 01.09.2026: Second EU-Taiwan Semiconductor Industry Dialoguedigital-strategy.ec.europa.eu
  2. European Commission, 03.06.2026: Proposal for Chips Act 2.0digital-strategy.ec.europa.eu
  3. European Commission, 03.06.2026: Commission proposes tech sovereignty packagedigital-strategy.ec.europa.eu
  4. Reuters, 07.09.2026: Taiwan flexes chip diplomacy muscles as it faces pressure to share AI wealth with alliesreuters.com

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